„Die Hüfte ist gar nicht das Problem, aber meine Schultern bringen mich um.“ Diesen Satz höre ich in meiner Praxis in Cala Ratjada von Patientinnen und Patienten nach einer Hüft- oder Knie-OP sehr oft. Er überrascht viele, weil sie sich vor der Operation auf Schmerzen im Gelenk eingestellt haben, nicht auf einen steifen Nacken.

Dieser Beitrag erklärt, woher diese Verspannungen kommen, welche Stellen typischerweise betroffen sind, was Sie selbst dagegen tun können und wann eine Massage sinnvoll ist. Einen Überblick über das ganze Thema finden Sie auf der Seite Massage nach einer Hüft- oder Knie-OP.

Was Krücken mit Schultern und Nacken machen

Nach einer Hüft- oder Knie-OP dürfen viele das operierte Bein zunächst nur teilweise belasten. Den Rest tragen die Unterarmgehstützen, und damit Ihre Arme. Bei jedem Schritt drücken Sie sich über die Griffe nach oben. Diese Arbeit leisten vor allem drei Muskelgruppen:

  • Der obere Trapezmuskel zwischen Nacken und Schulter. Er zieht die Schultern nach oben, wenn die Krücken zu hoch eingestellt sind oder Sie sich unsicher fühlen.
  • Der breite Rückenmuskel und der Trizeps an der Rückseite des Oberarms. Sie drücken den Körper über die Griffe nach oben.
  • Die Unterarmmuskulatur. Sie hält den Griff fest, oft fester als nötig.

Diese Muskeln sind für Feinarbeit und kurze Kraftleistungen gebaut, nicht dafür, stundenlang einen Teil des Körpergewichts zu tragen. Nach einigen Tagen werden sie fest, nach einigen Wochen spüren viele die Spannung bis in den Kopf. Dazu kommt, dass der Blick beim Gehen mit Krücken meist auf den Boden gerichtet ist. Der Kopf hängt leicht nach vorn, und der Nacken hält ihn den ganzen Tag in dieser Position.

Rollator, Schonhaltung und der Rücken

Mit dem Rollator verlagert sich die Belastung von den Schultern in den Rücken. Wer sich auf den Rollator stützt, beugt den Oberkörper leicht nach vorn. Die Muskulatur entlang der Wirbelsäule hält diese Haltung, und der untere Rücken wird nach einigen Wochen hart.

Auch ohne Gehhilfe bleibt eine Schonhaltung. Der Körper lernt nach der Operation, das neue Gelenk zu schützen: Er verlagert das Gewicht auf die andere Seite, macht kürzere Schritte, dreht das Becken etwas anders. Das ist am Anfang richtig. Bleibt das Muster aber über Monate, gewöhnt sich die Muskulatur daran. Typisch ist dann ein einseitig verspannter unterer Rücken oder ein Ziehen im Gesäß auf der nicht operierten Seite.

Warum der Schlaf den Nacken zusätzlich belastet

Nach einer Hüft-OP empfehlen viele Operateure für einige Zeit die Rückenlage oder, wenn Seitenlage erlaubt ist, ein Kissen zwischen den Beinen. Wer sein Leben lang auf der Seite oder dem Bauch geschlafen hat, liegt plötzlich ungewohnt. Der Kopf liegt zu hoch oder zu flach, das Kissen passt nicht mehr. Viele wachen dann mit einem steifen Nacken auf, und der Tag mit den Krücken beginnt bereits verspannt.

Nach einer Knie-OP ist es ähnlich. Das operierte Bein will ruhig liegen, man dreht sich seltener, und der Schlaf ist oft unruhig. Wenig Schlaf macht Muskeln empfindlicher, und Verspannungen fühlen sich stärker an.

Die typischen Stellen im Überblick

BereichHäufige UrsacheWie es sich anfühlt
NackenBlick nach unten beim Gehen, ungewohnte SchlafpositionSteifigkeit, Ziehen bis in den Hinterkopf
SchulternKrücken zu hoch, Schultern ständig hochgezogenHarte Stränge zwischen Hals und Schulter
Oberarme und UnterarmeAbstützen über die Griffe, fester GriffMüdigkeit, Muskelkater-Gefühl
Oberer und mittlerer RückenNach vorn geneigte Haltung, RollatorDruck zwischen den Schulterblättern
Unterer Rücken und GesäßSchonhaltung, verändertes GangbildEinseitiges Ziehen, oft auf der nicht operierten Seite
Nicht operiertes BeinTrägt wochenlang mehr GewichtSchwere, müde Wade und Oberschenkel am Abend

Was Sie selbst dagegen tun können

Krücken einstellen lassen. Das ist der wichtigste Punkt. Als Faustregel gilt: Bei aufrechtem Stand und locker hängenden Armen liegt der Griff etwa auf Höhe des Handgelenks, der Ellbogen ist beim Greifen leicht gebeugt. Sind die Stützen zu hoch, ziehen Sie bei jedem Schritt die Schultern hoch. Lassen Sie die Höhe im Zweifel in der Reha oder im Sanitätshaus prüfen.

Griff lockern. Achten Sie beim Gehen darauf, die Griffe nicht krampfhaft festzuhalten. Ein fester Griff spannt den ganzen Arm bis in die Schulter an.

Blick heben. Schauen Sie, wenn der Weg es erlaubt, zwei bis drei Meter nach vorn statt direkt vor die Füße. Der Kopf richtet sich dann von selbst etwas auf.

Schultern kreisen. Mehrmals am Tag im Sitzen die Schultern langsam hochziehen, kurz halten, fallen lassen und ein paar Mal nach hinten kreisen. Eine Minute reicht.

Kissen anpassen. Wenn Sie in Rückenlage schlafen sollen, braucht der Nacken meist ein flacheres Kissen als in Seitenlage. Probieren Sie aus, bis Kopf und Wirbelsäule in einer Linie liegen.

Strecken aufteilen. Lieber mehrere kurze Wege mit Pausen als eine lange Strecke am Stück. Das schont Arme, Schultern und das nicht operierte Bein, besonders bei Hitze.

Wann eine Massage sinnvoll ist

Eine Massage von Nacken, Schultern und Rücken ist sinnvoll, sobald Ihr Arzt zugestimmt hat. Diese Bereiche liegen weit weg vom Operationsgebiet, deshalb ist die Freigabe dafür oft früher möglich als für das operierte Bein. Wann genau, entscheidet Ihr Arzt. Welche Fragen Sie ihm stellen können, beschreibe ich im Beitrag Ab wann ist nach einer Hüft- oder Knie-OP eine Massage möglich?.

In meiner Praxis beginne ich in dieser Situation meist mit einer Entspannungsmassage für Nacken, Schultern und Rücken. Wenn das nicht operierte Bein müde ist, kommt die muskuläre Regeneration dazu. Wie sich die Massageformen unterscheiden, steht im Beitrag Welche Massage passt nach einer Hüft- oder Knie-OP?. Und was beim Termin selbst auf Sie zukommt, von der Lagerung bis zur Kleidung, beschreibe ich unter Wie läuft ein Massagetermin mit neuem Gelenk ab?.

Wie ich Krücken-Verspannungen massiere

Bei Verspannungen durch Krücken und Schonhaltung arbeite ich vom Nacken über die Schultern bis in den Rücken. Der Schwerpunkt liegt auf drei Bereichen:

  • Nacken und oberer Trapezmuskel. Hier sitzt bei den meisten die stärkste Spannung, oft als harter Strang zwischen Hals und Schulter, der bis in den Hinterkopf zieht.
  • Zwischen den Schulterblättern. Die Muskulatur hier hält den Oberkörper aufrecht, wenn Sie sich auf Krücken oder Rollator stützen, und wird dabei dauerhaft gedehnt und fest.
  • Oberarme und Unterarme. Wer wochenlang über die Griffe abstützt, hat oft verhärtete Unterarme. Viele merken das erst, wenn sie dort massiert werden.

Wenn das nicht operierte Bein müde ist, kann es im selben Termin dazukommen. Gelagert wird so, wie es mit Ihrem neuen Gelenk erlaubt ist, für Nacken und Schultern auch im Sitzen. Der Druck richtet sich nach Ihrem Empfinden und nach Ihren Medikamenten. Wer Blutverdünner nimmt, bekommt schneller blaue Flecken, deshalb frage ich vorher nach.

Wann Sie besser zum Arzt gehen

Nicht jeder Schmerz in der Schulter ist eine Verspannung. Wer wochenlang mit Krücken geht, kann sich auch eine Reizung von Sehnen im Schultergelenk oder eine Überlastung im Handgelenk zuziehen. Lassen Sie Beschwerden ärztlich abklären, wenn

  • der Schmerz in den Arm ausstrahlt oder mit Kribbeln und Taubheit in den Fingern einhergeht,
  • Sie den Arm nicht mehr über Schulterhöhe heben können,
  • der Schmerz nachts zunimmt oder Sie aufweckt,
  • die Beschwerden trotz Pausen und Lockerung immer stärker werden.

Und wie nach jeder Operation gilt: Schmerzen, Schwellung oder Überwärmung in der Wade, Fieber oder Atemnot gehören sofort zum Arzt, nicht in die Massagepraxis.

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